Biologie – Kultur – Recht: Perspektiven auf Geschlecht


Willkommen zu unserem Abschlussvortrag der Reihe „Biologie – Kultur – Recht: Perspektiven auf Geschlecht“, die von Dezember 2016 bis heute läuft. Wir freuen uns, Dr. Ulrike Lembke zu Gast zu haben und einen interessanten Abend zusammen zu verbringen.

Die Identifikation und Bekämpfung von Geschlechtsdiskriminierung stellt den Rechtsdiskurs weiterhin vor erhebliche Probleme. Die schöne Formel, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln sei, produziert hier weitaus mehr Fragen als Antworten. Während Teile der juristischen Literatur hierauf mit innovativen Konzepten wie Dominierungs- und Hierarchisierungsverbot oder Geschlecht als Erwartung reagieren, kämpfen Rechtsprechung und herrschende Lehre noch mit der Idee von biologischem und sozialem Geschlecht. Dabei gibt es längst neue Erkenntnisse und Herausforderungen: Von den Naturwissenschaften ließe sich inzwischen einiges über die Diversität und Prozesshaftigkeit von biologischem Geschlecht lernen, während die zuvor kulturwissenschaftlich erklärten sozialen Geschlechterrollen zunehmend durch Vereinnahmungen aus der Hirn-, Hormon- und Verhaltensforschung biologisiert und verfestigt werden. Ein mehrdimensionales Modell von Geschlechtsdiskriminierung attackiert den Kern eines hierarchischen, statischen und binären Geschlechterverständnisses, integriert Diskriminierungen auf Grund von Geschlechterrollenstereotypen, Körpernormen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität und bleibt offen für intersektionale Durchkreuzungen wie postkategoriale Konzepte von Antidiskriminierungsrecht.

Es wird weitaus lustiger, als das Abstract jetzt klingen mag, schließlich wollen wir uns auch mit den genialen Theorien der „Jäger und Sammlerinnen“-Verhaltensforschung sowie der „Testosteron Rex“-Hormonforschung auseinander setzen – garantiert. 😉

Mit den Legal Gender Studies hat Ulrike Lembke, seit April 2017 Professorin für Gender im Recht an der FernUniversität in Hagen, das ideale Themenspektrum für ihren streitbaren Geist gefunden. Die Liste ihrer Fragen, auf die sie eine wissenschaftlich begründbare Antwort sucht, ist lang. Sie beginnt im eigenen Umfeld, etwa damit, warum es „nur 16 Prozent Jura-Professorinnen an deutschen Fakultäten gibt“, und geht dann weit über die eigene Fachkultur hinaus zu Fragen von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, Familienformen, Antidiskriminierungsrecht, Migration, Menschenrechten und Bekämpfung von Gewalt im Geschlechterverhältnis.

Ihr Engagement hat sich bis nach Brüssel herumgesprochen. Als Mitglied im European Network of Legal Experts in the Field of Gender Equality, das die Europäische Kommission berät, verfasst sie Gutachten zur Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder zur praktischen Umsetzung der Entgeltgleichheit. „Es ist unglaublich, dass Frauen in Deutschland im Durchschnitt immer noch fast ein Viertel weniger verdienen als Männer.“

In unserer Vortragsreihe wollen wir folgenden Fragen nachgehen:
– Welche Erkenntnisse hinsichtlich Geschlechterdiversität bestehen in Biologie, Medizin,Sozial- und Kulturwissenschaften?
– Welche verfassungsrechtlichen Anforderungen bestehen hinsichtlich der Anerkennungweiterer Geschlechter durch das Recht? Welche Herausforderungen würden entstehen,wenn das Recht zur Anerkennung von Geschlechtervielfalt überginge?
– Wie ist das Verhältnis von Recht und Medizin zu verstehen? Sollte das Recht eineneigenständigen Begriff von „Geschlecht“ entwickeln?

Die Vortragsreihe wird gefördert aus dem studentischen Gleichstellungsfonds des Gleichstellungsbüro Viadrina.

Plakat